
Die Sound- und Videoinstallation „Straßenszene“ (2010) von Moritz Fehr zeigt auf einem Monitor eine alltägliche Berliner Straßenszene. Zwei Aufnahmen, die einmal morgens und einmal abends von demselben Ort gemacht wurden, ergeben ein hyperrealistisches 3D-Bild von etwas, das als Realität nicht erfahrbar ist. Durch die paradoxe Koexistenz von zwei in der Zeit auseinander liegenden Momenten wird eine künstliche Wirklichkeit produziert, in der, im Sinne Deleuzes, nicht nur die konkrete Vergangenheit, sondern auch die Vergangenheit all dessen, was nicht aktualisiert wurde und unverbraucht in die Virtualität eingeht, präsent wird. Deleuzes „Kristallbild“ erfasst diese paradoxe Zeitlichkeit als ein Simultanbild, ein Bild der Ko-Existenz von Aktuellem und Virtuellem jenseits der Ab- oder Auflösung der Virtualität in ihrer Aktualisierung. Diese Koexistenz re-enacted Fehrs Installation, indem sie eine virtuelle, nicht aktualisierte, weil nicht aktualisierbare Vergangenheit ins Bild setzt. Die visuelle Ebene der Installation wird durch eine auditive Ebene erweitert: Um den Monitor sind acht Lautsprecher angeordnet, die das städtische Landschaftsbild akustisch im Raum verorten. Doch die Korrespondenz zwischen Bild und Ton ist gestört, insofern die Geräusche zwar dieselbe Szenerie „darstellen“, ihre „Quellen“ jedoch nicht, oder nur versetzt, im Bild zu verorten sind. Die Installation wird zur quasi-immersiven, quasi-synästhetischen Illusionsmaschine, die eine hyperrealistische Straßenszene produziert, die gleichwohl auf keine „real“ existierende Wirklichkeit verweist. Im paradoxen Rückgriff auf Brecht, dem die alltägliche Straßenszene das paradigmatische Beispiel für das epische Theater war, wird hier nun mit hyperrealistischen, illusionistischen Mitteln auf die Künstlichkeit und Manipulierbarkeit jeder Darstellung sowie der ihr zugrunde liegenden Wirklichkeit verwiesen.
(Text: Maria Muhle)